nuernberg20170130.08.2017 | In Fulda war es am Morgen noch etwas wolkenverhangen, als wir uns am 22. August 2017 mit den Geschichtskursen auf den Weg nach Nürnberg machten. Dort präsentierte uns das Wetter jedoch einen nahezu wolkenlosen, blauen Himmel. Wir hatten also Glück mit unserem Reisetag, denn wir wollten uns mit unseren Geschichtskursen das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg anschauen. Da diese Exkursion zu großen Teilen im Freien, rund um den Dutzendteich stattfindet, waren wir froh über das gute Wetter. Dieses Jahr waren wir mit vier Geschichts-Grundkursen der Q3 (von Herrn Croon, Herrn Elm, Herrn Galle und Herrn Michel) unterwegs.

Bereits im Vorfeld wurden die Schülerinnen und Schüler im Unterricht auf das ideologiebelastete Gelände vorbereitet. Schließlich ist das ehemalige Reichsparteitagsgelände ein besonderer historischer Lernort und auf dem Gelände konnten die Jugendlichen auf ihre (Er-)Kenntnisse zur NS-Geschichte aus dem Geschichtsunterricht zurückgreifen. Noch heute zeugen die ruinenhaften Überreste von der größenwahnsinnigen Gigantomanie der NS-Ideologie. Daher gehört die Fahrt nach Nürnberg zum festen Programm der Rabanus-Maurus-Schule. Unser Ziel ist es, die Geschichte für die Schülerinnen und Schülern erfahrbar zu machen und entdeckendes Lernen zu fördern. In Nürnberg kann die NS-Ideologie für jeden nachvollziehbar »begriffen« werden, weswegen wir im Rahmen des Lehrplans eine jährliche Exkursion zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg mit der Jahrgangstufe Q3/4 durchführen. Aber anders als bei einem Besuch in einem Konzentrationslager, wo den Opfern des nationalsozialistischen Terrors gedacht wird, wird hier auf die Perspektive der Täter der Fokus gerichtet – der Größenwahn von Hitlers Gewaltherrschaft ist in Nürnberg praktisch zu greifen; stehen hier doch die Reste der kolossalen Gebäude, die uns die Möglichkeiten bieten, die propagandistischen Mittel der NSDAP hautnah wahrzunehmen. Der direkte Kontakt mit der Geschichte ist eben doch etwas anderes als der theoretische Unterricht mittels Textquellen und Bildern.

Jährlich Anfang September sollten die Nürnberger Reichsparteitage stattfinden. Bis 1938 fanden sich ca. eine Million Menschen und die gesamte NS-Elite in Nürnberg ein. Die Woche der Reichsparteitage war die wichtigste Selbstdarstellungs-Inszenierung und größte Massendemonstration des NS-Regimes. Hitler verordnete, dass in Nürnberg gewaltige Bauwerke entstehen sollten und sein Lieblingsarchitekt Albert Speer war bestrebt, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten aber weitgehend eingestellt und nur in wenigen Fällen wurden die größenwahnsinnigen Bauprojekte vollendet. Die Mehrheit der geplanten Gebäude kam über den Rohbau nicht hinaus. Ein Ziel der Nationalsozialisten war es, dass die Gebäude des Reichsparteitagsgeländes, die architektonischen Errungenschaften Europas durch Gigantomanie übertrafen. Auch sollten noch in tausend Jahren die Ruinen Ehrfurcht und Größe vermitteln. Nun, tausend Jahre werden die Naziruinen nicht halten und so muss sich die Stadt Nürnberg schon jetzt überlegen, ob und wie sie die pompösen Ruinen nutzt und instand hält. Auf jeden Fall wollte die Stadt Nürnberg, dass das von den Nationalsozialisten okkupierte Gelände wieder den Menschen von Nürnberg zurückgegeben wird. Daher finden hier diverse Veranstaltungen statt, die aber die Wirkung der Reichsparteitagsgebäude brechen sollen, z.B. Volksfeste, die Deutschen Tourenmeisterschaften, Konzerte (z.B. AC/DC, Bon Jovi, …) und Festivals (Rock im Park), Fußballspiele, usw. Es wird aber auch gegrillt und die Menschen nutzen die grüne Umgebung zum Verweilen und Relaxen. Nichts von allem erinnert dabei an die populistischen Massenaufmärsche der Nationalsozialisten. Die Stadt Nürnberg ist darüber sehr froh, dass ihre Stadt kein Kultort für Neonazis geworden ist.

Das ehemalige Kongresszentrum, wo unsere geführte Gelände-Tour ihren Anfang nahm, ist heute das größte erhaltene Baurelikt aus der Nazizeit. Es erinnert in seiner Gestaltung an das antike Kolosseum in Rom, wollte es aber um etwa das Doppelte übertreffen. Die beabsichtigte Wirkung auf die Besucher ist hier besonders gut nachzuvollziehen: gigantische Türen, Granithallen, Kathedralenanklänge, … Alles das zeugt noch heute davon, dass die Nationalsozialisten die Menschen beeindrucken und einschüchtern wollten. Die Gebäude drückten die Parteiideologie aus: »Der Einzelne ist nichts, das Volk ist alles!«; anders ausgedrückt könnte man auch sagen, dass der Einzelne keinen Wert besitzt, er ist gut genug gewesen, um als Kanonenfutter verheizt zu werden. Schon sehr früh hat Hitler nämlich darauf verwiesen, dass die gigantischen Kosten für das Gelände über den Krieg und die Ausbeutung der unterworfenen Völker finanziert werden soll. Wobei die Ausbeutung bereits mit dem Bau losging, denn Zwangsarbeit und Ausbeutung von Menschen in Konzentrationslagern (vor allem Flossenbürg und Mauthausen) war von Anfang an Teil dieser Großbaustelle des Dritten Reiches.

Von der Kongresshalle ging es weiter auf die »Große Straße«. Sie war die von Speer konzipierte zentrale Achse und Aufmarschstraße des Reichsparteitagsgeländes. Perspektivisch verwies sie auf die Kaiserburg in der Altstadt Nürnbergs; galt Nürnberg doch als die »deutscheste aller deutschen Städte«. Aus der Stadt der mittelalterlichen Reichstage war in der Nazizeit somit die Stadt der Reichsparteitage geworden. Erstmalig legte unsere geführte Tour auch einen Zwischenstopp beim Deutschen Stadion ein, welches allerdings über Fundamente nicht hinausgekommen ist. Geblieben ist lediglich ein vergifteter See; voller Bauschutt aus dem kriegszerstörten Nürnberg, der auch in der Nachkriegszeit Tote forderte. Natürlich sollte das Deutsche Stadion viel viel größer werden als sein bauliches Vorbild – der Circus Maximus in Rom. Wie man es auch dreht und wendet; letztlich kommt man zu dem Eindruck, dass die Nationalsozialisten einen Minderwertigkeitskomplex hatten. Alles orientierte sich an fremden Vorbildern und musste unendlich größer sein. Geplant war eine gewaltige Betonwüste, die nur in der Zeit der Reichsparteitage belebt gewesen wäre. Allerdings muss man auch erwähnen, dass diese Reichsparteitage nichts mit modernen Parteitagen gemein hatten. Die Nationalsozialisten waren nämlich nicht daran interessiert, mit dem Volk über ihre Politik zu diskutieren. Vielmehr wurde auf den Reichsparteitagen u.a. Armee demonstriert. Es ging darum, die Stärke und die Macht von Hitlerdeutschland zu zeigen. Neben diesen offiziellen Inszenierungen hatten die Reichsparteitage Volksfestcharakter – mit all ihren negativen Begleitumständen: Müll, Alkoholismus und Vandalismus und auch Vergewaltigungen.

Den Abschluss unseres geführten Rundgangs stellte das Zeppelinfeld dar. Diese Arena mit der großen Tribüne wurde als eines der wenigen Gebäude vor dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt. Genutzt wurde sie als Veranstaltungsort für Massenaufmärsche während der NS-Parteitage. Und noch heute finden auf dem großen Platz Konzerte und andere Veranstaltungen (z.B. Sport) statt. Auf der Haupttribüne, der von Albert Speer in Anlehnung an den Pergamonaltar inszeniert wurde, endete unser zweistündiger Rundgang und es blieb uns noch einmal die Gelegenheit, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren. Hier war uns vieles begegnet: Größenwahn, Ausbeutung von Menschen und Menschenverachtung, Volksfestveranstaltungen, Manipulation der Massen, Militärdemonstrationen, Inszenierung der totalitären Macht, …

Verbunden mit dem Besuch des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes ist auch immer die Besichtigung des Dokumentationszentrums in der ehemaligen Kongresshalle. In dem »Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände« befindet sich die Dauerausstellung, die mit sehr anschaulichen Dokumenten, Filmen, Rekonstruktionen und Grafiken die Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft von der Machtergreifung bis zum Kriegsende und den Nürnberger Prozessen aufzeigt und die Bedeutung der NS-Reichsparteitage eindrücklich hervorhebt. Sie verschweigt aber auch nicht die nationalsozialistischen Gräuel: die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, die Ausbeutung der unterworfenen Völker und die Verbrechen der Wehrmacht, usw. Wer wollte konnte auch noch in die Sonderausstellung »Albert Speer in der Bundesrepublik – Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit« einen Blick hineinwerfen. Diese kleine Ausstellung beschäftigt sich mit Hitlers Freund, Architekt und Rüstungsminister Albert Speer, der 1966 nach zwanzigjähriger Haftzeit wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte. Eigentlich war er einer der Hauptkriegsverbrecher – verantwortlich für unendlich viele Tote und maßgeblich am Holocaust beteiligt – aber ihm gelang es, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass er von den Verbrechen der Nationalsozialisten nichts gewusst habe. Diese Lüge baute er in seinen Büchern und Interviews aus und er war so glaubhaft (oder man wollte ihm glauben), dass sein Bild in der Öffentlichkeit bis heute oft positiv ist, obwohl Historiker letztlich seine Lügen entlarvt haben.

Die Fahrt nach Nürnberg war auch in diesem Jahr eine sehr lehrreiche und lohnende Erfahrung, die hilft, die Mechanismen von totalitärer Macht und Machtdarstellung zu durchschauen (dies gilt nicht nur für die Schülerinnen und Schüler unserer Schule). Die Fahrt nach Nürnberg war aber auch eine gute Erfahrung für die gesamte Jahrgangsstufe Q3, die durch das Miteinander, das gemeinschaftliche Lernen und Erleben auch eine gemeinsame Erinnerung an ihre Schulzeit haben wird.

Patrick Elm